»  »  » Erbforschung 

Braun und braun ergibt blau

Die Vererbung der Augenfarbe ist komplexer als bislang vermutet

Die Mutter hat braune Augen, der Vater ebenfalls: eigentlich klar, welche Augenfarbe das Kind haben wird. Oder etwa nicht? Nun, wenn´s so einfach wäre. Tatsächlich aber sind an der Vererbung der Augenfarbe mindestens drei grundverschiedene Gene beteiligt, deren genaue Aufgaben die Wissenschaft bis heute nicht restlos herausgefunden hat. Eigentlich erstaunlich, denn schon 1907 veröffentlichten die Brüder Davenport ihr 1-Gen-Modell, das zunächst scheinbar ganz genau beschrieb, was zu blauen, grünen und braunen Augen führt: Ihr Modell nimmt an, dass es ein einziges Gen gibt, das unsere Augenfarbe bestimmt. Dieses Gen liegt in zwei identischen "Kopien" in der Genstruktur von Vater und Mutter vor. Übrigens die gleiche Annahme, die auch Voraussetzung ist, um einen Vaterschaftstest durchführen zu können. Die Vermutung der Davenports: Es gibt in jeder der beiden Gen-Kopien entweder eine Ausprägung (Allel) für braune Augen oder eine Ausprägung für blaue Augen. Hat die Mutter ein Allel für Braun und der Vater ein Allel für Blau, erbt das Kind ein blaues und ein braunes Allel. Klingt erst einmal komisch: Heißt das etwa, dass der Junior ein blaues und ein braunes Auge hat? Nein, das heißt es glücklicherweise nicht. Denn welches Allel aktiv wird, ist davon abhängig, welches Merkmal dominant ist. Gesetzmäßigkeit nach Davenport: braune Augen sind dominant, während blaue Augen rezessiv sind. Ein Kind mit braunäugiger Mutter und blauäugigem Vater hat demnach auch braune Augen. Später können die Blautöne aber durchaus auch ihre Dominanz verlieren. Nur so konnten die beiden Wissenschaftler erklären, dass nicht immer braun und blau gleich braun ergibt.

Aber wie ist das dann mit den Menschen, die grüne oder graue Augen haben? Genau hier ist auch das Davenport-Modell ins Trudeln gekommen. In der Wirklichkeit wird die Vererbung der Augenfarben braun/grün/blau nämlich durch weit mehr als nur ein Gen mit zwei Ausprägungen bestimmt. Vielmehr gibt es Merkmale für braune, blaue und grüne Augen, wobei die Dominanz der Gene von braun über grün nach blau abnimmt. Überdies geht die Wissenschaft davon aus, dass es weitere Gene gibt, die die verschiedenen Abstufungen der Farben beeinflussen. Hinzu kommt, dass die chemische Redaktion zur Herstellung des Farbstoffes Melanin höchst komplex ist. Die Produktion des Farbstoffes muss also nicht immer den bekannten Regeln der Genetik folgen - und die Kinder folglich nicht immer die Augenfarbe von Eltern oder Großeltern erben müssen.



Aus der Erbfoschung: Neue Erkenntnisse zur Vererbung der Augenfarbe?
Version: 22.07.2015 - 17:11 · 37.374 PageViews